Sonntag, 7. April 2019

Korat die zweite



Hey Leute
In der vergangenen Woche war ich zum zweiten mal auf Distribution in Korat und eins sei gesagt. Es war anstrengend...




Am Montag morgen ging es los. Nachdem wir uns um 06:00 Uhr morgens beim RICD getroffen haben startete der Roadtrip. Unser Ziel: Ayakan Village in Korat, was mit dem Van in nicht unter 10h von Chiang Mai aus erreichbar ist.

Als wir dann endlich angekommen waren haben wir erfahren, dass vor Ort ein großes Fest läuft mit riesiger Walking Street. Eine Walking Street ist quasi ein Markt, aber nicht permanent. Für eine bestimmte Zeit (meist zwischen einem Abend und drei Tagen) stellen sich Marktstände an einer Straße auf und weil man dann beim durchlaufen dieser Straße an den Ständen vorbei kommt haben die Thais diese kurzweiligen Märkte 'Walking Street' getauft.

Dass da ein Auto durch die Walking Street fährt ist übrigens nicht normal... Das ist ein einzelnes Polizeiauto, das sich in Schneckentempo durch die Masse drängt.
Doch obwohl an dem Abend Schuhe, Essen und mehr von uns gekauft wurde waren wir nicht in Korat  um die Walking Street zu erkunden.

Am nächsten Morgen ging es daher los zu dem Ort, wo die Rollstühle auf uns gewartet haben. Ich hatte mich auf einen ganz normalen ersten Verteilungstag vorbereitet. Aufstehen, Stille Zeit machen, frühstücken und zügig arbeiten, da am ersten Tag immer mehr Patienten kommen, als am zweiten. Zusätzlich war es der Tag mit Zeremonie, was bedeutet, dass wir nur den halben Tag arbeiten.

Doch der Tag lief ganz anders ab, als ich das erwartet hatte...
Klar ist jede Verteilung ein wenig anders, aber diese war besonders anstrengend und nervenaufreibend.
Jetzt im Nachhinein habe ich ganz stark das Gefühl, dass es Anfechtung war, die wir gespürt haben, denn die Verteilung hat in einem buddhistischen Tempel stattgefunden.
DH
Die ganze Zeit war eine merkwürdige schwere in der Luft und was normalerweise als Kleinigkeiten abgetan und nicht mehr erwähnenswert sein sollte wurde auf einmal zum Problem. Besonders habe ich das an mir selbst festgestellt. Ich bin regelrecht explodiert in einer Situation, die ich normalerweise still ertragen und im Nachhinein mit den entsprechenden Menschen besprochen hätte.
Ich habe mich laut und mit großen Gesten aufgeregt, was in Thailand einem Gesichtsverlust gleich kommt. Erst als Pi Puk (sie ist eine Art Thai-Mutter für mich, die mir sehr viel erklärt) mich an mein 'kühles Herz' (chai yen. Im deutschen würde man 'ruhiges Gemüt' sagen) erinnert hat bin ich wie aufgewacht...

Diese Schwere war zwar den ganzen Rest der Zeit in Korat noch da, aber ich wusste auf einmal damit umzugehen. Ich konnte mich auf die Patienten konzentrieren und habe den negativen Gedanken keine Bühne gegeben.

Dabei haben mir die Übersetzerin (grünes Shirt) und der Honda-Techniker (graues Shirt) geholfen. Die beiden wurden mir als Team zugeteilt und haben mich super entlastet. Ich konnte einfach auf englisch sagen, was ich von dem Patienten wissen musste (Die Übersetzerin konnte sogar ein wenig Deutsch) und mit Hilfe des Technikers schnell und effizient anpassen, was geändert werden musste.

Nach der Mittagspause allerdings musste ich wieder allein arbeiten. Da kam es mir tatsächlich ziemlich recht, dass dann die Zeremonie stattgefunden hat und wir davor fast alle Patienten des Tages ausgestattet hatten.

Als die meisten der Patienten dann schon auf den Heimweg oder in den letzten Zügen der Papierarbeit waren, hatten wir sogar noch ein wenig Zeit übrig. Trotz des holprigen Starts und der Schwere kann man also sagen, dass es doch ein gesegneter Tag gewesen ist. Wenn man es so sehen will hat Gott uns damit belohnt, dass wir die Zeit, in der wir normalerweise die letzten Rollstühle noch angepasst hätten, für eine Massage nutzen konnten. Die Massösen waren ursprünglich eingeladen worden, um sich um die Patienten zu kümmern und bei ihnen Verspannungen/Krämpfe zu lösen. Aber wir haben ihr Angebot natürlich auch gern angenommen...


Anschließend mussten wir dann nur noch kurz alles zusammenräumen und für den nächsten Tag vorbereiten. Also Alle Werkzeuge sammeln, die Stühle von der Zeremonie zusammenstellen, die verbliebenen Rollstühle neu nach Nummerierung ordnen und Bilder schießen.
Wie bei meiner ersten Distibution in Korat war das für die Menschen dieses Rotary-Clubs (Zusammenschluss von Unternehmern, die ihr Geld für das Allgemeinwohl einsetzen wollen) wieder ganz besonders wichtig. Nach dem Motto: "Was auf keinem Bild zu sehen ist, ist auch nicht passiert" fotografieren sie alles, das ihnen vor die Linse kommt (was nicht selten auch sie selber sind).

Einerseits lustig, andererseits unfair (weiß nicht, wie ich dazu stehen soll) ist es, dass sich manche von uns daher einen Sport daraus gemacht haben auf den Bildern Grimassen zu ziehen, damit das Bild, wenn es auch existiert, nirgendwo gezeigt werden kann...

Welche Bilder ich aber liebend gern zeige sind diese, die ich an dem Abend auf dem Dach unseres Hotels geschossen habe.


Diese Bilder haben etwas gemeinsam... man sieht keinen Smog. Mir ist an dem Abend wieder bewusst geworden, WIE schlecht die Luft in Chiang Mai eigentlich ist. In Korat war sie auch nicht wirklich gut, aber man hatte endlich wieder Ausblick und der Himmel ist nicht eine große Überblendung von dunkler zu heller Grau, sondern ich konnte tatsächlich wieder Wolken gesehen.
Außerdem konnte man die Sonne am Horizont versinken sehen und musste nicht dabei zusehen, wie sie vom Smog ausgeblendet wird. Dann wird es auch eher ganz dunkel, wenn die Sonne verschwindet und die Strahlen sich nicht noch ewig in den Partikeln reflektiert.

Aus Abend und Morgen wurde der nächste Tag...
Angekündigt waren für diesen, dass wir 50 Patienten haben würden. Da der Tag allerdings nur sehr langsam anlief und immer schon jemand vor mir die Patientenunterlagen vom Arzt bekommen hat, habe ich mir andere Arbeiten gesucht und am Ende bei nur zwei Patienten mitgeholfen. Das war aber sehr gut, denn wir hatten keine Legstraps mehr. So einen brauchen wir aber für 50 oder mehr Prozent unserer Patienten. Also habe ich Stoffe zugeschnitten, die anschließend einer der Rotarier (sie waren nicht alle nur zum Fotos machen da) durch das umnähen der Kanten und annähen der Klettstreifen zu Legstraps weiterverarbeitet hat.



Doch auch dieser Tag hatte seine Besonderheit.
Und zwar war ich zum ersten Mal bei einem richtigen Hausbesuch dabei. Als nur noch ein paar wenige Patienten beim Tempel waren, haben Moritz, Anna und ich ein wenig notwendiges Werkzeug und zwei Rollstühle in Privatautos gepackt und wurden dann zu einem Mann gebracht, der nicht zu uns kommen konnte.

Er war zwar gut umsorgt von drei Pflegekräften, aber ich habe mich gefragt, wie es sein muss in solch einem Körper zu stecken und ob das überhaupt lebenswert ist...
Aus seinem Rachen muss regelmäßig Speichel abgesaugt werden. Durch einen Zugang am Hals, durch welchen er gleichzeitig auch atmet. Als wir ihn aus seinem Bett in den Rollstuhl gehoben haben, hat er angefangen recht schnell und intensiv zu atmen. Einzelheiten erspare ich euch hier, aber ich hatte zwischenzeitlich ein wenig schiss, dass er an seinem eigenen Speichel erstickt.
Gott sei dank war das aber scheinbar 'normal'.

Er hat sich jedenfalls über den Rollstuhl gefreut. Die Pflegerinnen haben es jetzt wesentlich einfacher mit ihm an die frische Luft zu gehen und sein verkrampfter Mund hatte am Ende sogar etwas von einem Lächeln.

Diese Distribution war wieder eine coole, interessante und lehrreiche Erfahrung. Es hat echt Spaß gemacht. Allerdings war ich auch sehr dankbar nach der 12h langen Rückfahrt wieder in meinem eigenen Bett schlafen zu dürfen.


  Diese Woche bin ich dankbar für diesen komischen Moment des Ausrastens am ersten Verteilungstag. Ich weiß immer noch nicht ganz einzuschätzen, was da genau los war. Doch am Morgen des zweiten Tages habe ich mit Pi Puk gebetet und wir haben gemeinsam (sie hat diese Schwere auch gespürt) den ganzen Tag und alle Einflüsse in Gottes Hände gegeben. Das Genialste war, dass ich den zweiten Tag richtig genießen konnte. Ich denke, dass Gott unser Gebet direkt erhört hat.
    Dankbar, dass auf den Fahrten nichts passiert ist. Trotz mancher engen Momente, nicht sehr guten Straßen und den wilden Verkehr sind wir wieder heil in Chiang Mai angekommen. Gott at uns wieder bewahrt.
    Dankbar bin ich auch, dass Gott mich gebraucht. Ich mag es nicht immer (oder eher sehr selten) mitbekommen, doch wenn ich erfahren darf, dass Gott in einem anderen Menschen etwas bewirkt hat durch meine Worte, die ich oft recht ungewählt von mir gebe, dann erfüllt mich das mit Freude und Ehrfurcht. Gott ist so viel größer als wir und kennt doch jedes einzelne Molekül. Doch dabei bleibt es nichtmal. Nicht nur jedes kleinste Physikalische/Chemische Bestandteilchen hat er im Blick. Auch jedes unserer Worte und jede Geste und allein unsere Anwesenheit kann er nutzen, um durch uns zu wirken. Wir bekommen es nur meistens nicht mit.


  Bitte betet dafür, dass ich meine verbleibende Zeit hier genießen, aber auch nutzen kann. Ich habe noch 3 angefangene Projekte und das Booklet für die Cornerchairs wird einige Zeit in Anspruch nehmen. Ich möchte das alles fertig bekommen in den 2 Monaten, die mir hier noch bleiben. Dabei wird es aber vermutlich schwierig sein mich nicht unter Druck zu setzen und die Freude zu behalten.
    In Verbindung damit könnt ihr auch dafür beten, dass ich/wir Janik (der Kurzzeitler, der 2 Wochen kommt bevor wir gehen) gut aufnehmen und in alles einweisen können. Dass er sich hier wohlfühlen und eine schöne Zeit hier erleben kann.

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